Rainer Maria Jaenicke
Warften im Fehn
Generationen warfen jahrhundertelang Sand und Erde zu Warften auf, um Mensch und Tier vor dem Ertrinken in Sturmfluten und Überschwemmungen zu retten.
Die Ebene zwischen Oldersum und Westgroßefehn verliert sich im Nebel einer eisigen Weite unter einem stahlblauen Winterhimmel. Die tiefstehende Sonne blendet. Der schneidende Wind steigert in mir das Gefühl, schutzlos der Kälte dieses Januartages ausgesetzt zu sein. An Scharen von Kanada-Gänsen, die im gefrorenen Gras nach Essbarem suchen, gehe ich die schmale Straße entlang, der Sonne entgegen, auf einen sanften, von hohen alten Bäumen bestandenen Hügel zu. Die Gräben links und rechts der Straße sind zugefroren. Auf den Weiden breiten sich große, gefrorene Wasserflächen aus, die das gleißende Licht der Sonne glitzernd reflektieren. Auf einem kleinen Damm führt rechts ein Pfad zu einem alten rostigen Eisenzaun. In der Mitte des Zauns befindet sich eine Tür, die sich öffnen lässt. Der enge Weg führt weiter zu einer Warft, wie die aufgeschütteten Hügel nicht nur hier im Fehn (Moor), sondern auch im Watt heißen.
Bei Sturmfluten kam es früher, als die Dämme zur Ems und zum Dollart noch nicht so hoch waren, zu todbringenden Überflutungen. Die Fluten wurden nach dem Heiligenkalender und den Festtagen des Kirchenjahres benannt, an denen sie stattfanden, wie z.B. die Allerheiligenflut 1532.
Ungefähr zwei Kilometer in Richtung Ems befindet sich eine weitere Warft mit Friedhofsfragmenten. Früher soll dort eine kleine Backsteinkirche als Fluchtort bei Überflutungen gestanden haben. Ich kann gut nachvollziehen, dass man nicht nur den Lebenden, sondern auch den Toten die gleiche Sicherheit bot, nicht von den Fluten mitgerissen zu werden und in und auf der Heimaterde sicher die Sturmflut zu überstehen.
Ich suche rechts einen Weg durch das abgestorbene Dickicht, um die zwischen den Baumstämmen ungeordnet stehenden Kreuze der Grabstellen auf dem Plateau der Warft im Gegenlicht fotografieren zu können. Ich muss aufpassen, dass ich nicht in den zugefrorenen Graben hinter mir abrutsche. Nach einer Serie von digitalen Fotos im Kleinbildformat mit einem klassischen 24mm Weitwinkel und Dokumentationsfotos mit dem Handy, steige ich zwischen den schief stehenden von Flechten grünlich verfärbten Grabstelen zur Kuppe der Warft auf. Die Stelen sind sorgfältige Steinmetzarbeiten, jahrhundertelang den klimatischen Angriffen des Wetters ausgesetzt.
In wunderschön geschwungenem Schreibschrift-Duktus sind in manche Steine letzte Grüße eingemeißelt, wie:
Du ruhst nach langem Sehnen im stillen Grabe aus. Nun trockne deine Tränen dort in dem Vaterhaus.
Das Symbol der zwei Hände im Augenblick des Händeschüttelns mit einem 'Auf Wiedersehen' verbunden als Symbol der erhofften Auferstehung und des Wiedersehens mit Familie, Freunden und Nachbarn
Ich lese die Inschriften und versinke in den Botschaften von Menschen vergangener Zeiten. Ich bewege mich zwischen den Grabsteinen, lese, dokumentiere, blicke von der Warft herab in die Weite der Eisflächen hinweg in andere Zeiten.
Die Kälte greift meine Hände an, sie verfärben sich violett. Die wenigen Bewegungen des Fotografierens fallen mir schwer. Auch die Kamera mit ihrem Objektiv friert ein, genauso wie das Handy: Die gemessenen Belichtungswerte stimmen nicht mehr, der Autofokus gibt auf, das Handy lässt sich nicht mehr mit steif gefrorenen Fingern über sein gläsernes Display steuern.
Ich breche ab und steige zwischen Grabsteinen und Umrandungen die Warft herab zum Friedhofseingang. Eine schmiedeeiserne Ranke wirft einen Schatten in Herzform auf einen Baumstamm dahinter. Ich messe diesem Schattenspiel einen Sinn bei und muss lächeln.
Zwischen den Eisflächen gehe ich dann zu dem - in diesem Bereich selten zu findenden - sicheren Parkbereich am Rande der Straße zurück, wo ich das Auto abgestellt hatte.
Ich war vorher schon dreimal auf diesem Warften-Friedhof, allerdings zu anderen Jahreszeiten und nicht im Winter. Jedes Mal nahm mich die Ausstrahlung des Hügels mit seiner fühlbaren Vergänglichkeit gefangen und zog mich in seine parallele Welt. Außer Dohlen und Kanada-Gänsen bin ich noch keinem lebenden Wesen bei meinen Besuchen in diesem Bereich begegnet; mit einer Ausnahme: Ein Trecker- Fahrer, den ich spontan Charon taufte, `bretterte´ ungefähr einen halben Kilometer vom Friedhof entfernt mit `stierem´ Blick dicht an mir vorbei. Die Straßen dort sind, wie schon beschrieben, extrem eng. Ich trat schnell zurück, um nicht zu nahe an den großen Reifen zu sein, musste mich aber auch vorsehen, nicht in den Graben hinter mir abzurutschen. Die Situation war speziell, prekär, ich wollte einfach noch nicht von Charon mitgenommen werden.
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